Sonntag, 5. Dezember 2010

Was hat das Internet-Format "Maevas Reise" mit Wikileaks zu tun?

Zur Zeit bekommen wir einen Vorgeschmack auf den "Krieg der Zukunft". Dieser findet im Cyberspace statt. Was sich dort zur Zeit in Sachen Wikileaks abspielt, habe ich schon vor Monaten in "Maeva" beschrieben. "Maevas Reise" heißt das Format, dass den Kreuzzug unserer kämpferischen Öko-Priesterin dokumentiert und den Mächtigen ein Dorn im Auge ist. Aber da Bücher ihre Zeit brauchen, bis sie veröffentlicht werden, hat uns die Realität einmal mehr eingeholt. Nicht das erste Mal im Laufe dieser Arbeit.

Die Begründungen für die konzertierte Aktion gegen Wikileaks sind an Fadenscheinigkeit nicht mehr zu toppen. Die Enthüllungsplattform sieht sich spätestens seit der Veröffentlichung geheimer US-Diplomatendossier einem internationalen Druck ausgesetzt, wie er perfider und stärker nicht sein könnte. Die Mächtigen dieser Welt haben Schiss bekommen. Schiss, dass ihr durch Wikileaks bezeugter Schweineumgang mit sich selbst diplomatische Verwerfungen mit sich bringen könnte, die nicht mehr zu glätten sind.

Deshalb hauen sie in seltener Einmütigkeit drauf auf den Verkünder der verräterischen Dokumente. Die Wikileaks-Domain wurde gesperrt, Amazon und Paypal unter Druck gesetzt und Wikileaks-Gründer Assenge der Vergewaltigung bezichtigt. Keine Regierung ist sich zu dumm, an der Hetzjagd gegen das Portal teilzunehmen. Was man China und dem Iran noch vor kurzem vorgeworfen hat, nämlich die totale Zensur des Internets, die Kontrolle über die freie Meinungsäußerung, versucht man in der "freien Welt" jetzt selbst durchzusetzen.

Aber, und das ist das Spannende daran: So einfach funktioniert es diesmal nicht. Während die US-Regierung immer mehr Unternehmen, die Internet-Dienstleistungen für Wikileaks erbringen, dazu zwingen, diese Dienste zu verweigern, während Wikileaks-Domains weltweit gelöscht werden, organisieren sich im Netz die Sympathisanten. Die Schließung der Wikileaks-Server verpuffte, weil die Seite von den Usern einfach auf unzählige neue Server kopiert wurde. Wikileaks ist nicht zu fassen. Und das ist gut so. Ein herrliches Spektakel, das zur Zeit im Internet zu beobachten ist. Eines das Mut macht.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ich war zwar bisher ebenfalls von Wikileaks begeistert, aber die letzte Aktion sehe ich gleichzeitig mit etwas Unbehagen.
Für mich ist vor allem offen, was damit bezweckt werden sollte. Generell finde ich es gut, wenn Dinge, die alle angehen, auch allen bekannt sind. Wenn also z.B. Mauscheleien, die zu Kriegen führen können, aufgedeckt werden.
Was aber ein Botschafter über einen Politiker denkt - ist es wirklich wichtig, dies allen offen zu legen? Vor allem vermisse ich hier den Ausgleich: entweder alle stehen ohne Hose da, oder keiner. Denn dass andere Botschafter nicht ebenfalls unschöne Dinge über andere Politiker anderer Staaten nach Hause melden... ich kann´s mir nicht vorstellen.
Das Ganze ist also ziemlich asymmetrisch und würde sicher anders aufgenommen, wenn es Dokumente wären, die einen kleinen Staat bloßstellen. Hier sind es halt die großen bösen USA, die immer gut sind für Schadenfreude.

Ich will damit sagen: nicht alles, was einem sonst nicht zugänglich ist, verdient es, zugänglich gemacht zu werden. Dass es diese tolle Möglichkeit gibt, sollte nicht dazu genutzt
werden, sie inflationär und unreflektiert zu nutzen. Enthüllungen sind nicht per se gut - das weiß jeder, der mal einen FKK-Strand besucht hat ...
Herzlich,
Volker

Anonym hat gesagt…

Ich glaube das die Dossiers der Botschafter über Politiker, die sowieso in der Medienöffentlickeit der jeweiligen Länder überaus bekannt sein dürften, eine "verdauliche" Kost darstellen, über die nun in allen möglichen Talkshows und Printmedien polemisch darüber diskutiert wird, andstatt sich mit den Kriegs- und Machtspielen einzelner Menschen mit ihren globalen Auswirkungen auseinanderzusetzen.
Also kann sich jedes Land aussuchen wie es mit den Informationen umgeht. Ist spannend zu sehen, wie die Länder sich dazu äußern und wie sie reagieren. Eine strategisch superspannende Sache und sehr mutig von den engagierten MitarbeiterInnen von Wikileaks. Das die USA als "Welmacht" den Anfang macht ist strategisch gut, um die Aufmerksamkeit der Welt zu gewinnen.
Über das Wort "bloßstellen" kann ja mächtig diskutiert werden.
Wollten "wir" nicht schon immer Transparenz und
Verantwortungsbewußtsein der Regierung, die ja vom Volk dazu bestimmt worden ist in "unserem" Namen zu entscheiden? Jetzt endlich gibt es den Versuch zu zeigen, wie die "Regierenden" agieren, entscheiden und handeln. Die Hintergründe werden endlich transparent. Was aber folgt ist eine Welle der Empörung.
Ich sehe das als guten Anfang, uns BürgerInnen mehr und mehr das Verantwortungsbewußtsein zurückzugeben, die Kontrollfunktion auch real wahrnehmen zu können und das die Regierenden voll und ganz hinter ihren Staatsaktivitäten stehen.
Die Informationsfluten unreflektiert zugänglich zu machen ist der Grundbaustein für echten Journalismus, der die Daten in Zusammenhänge bringt und dem/r LeserIn verständlich zugänglich
machen kann.
Soviel von meiner Sicht.

a n j a

Andreas Bangemann hat gesagt…

Die jüngsten Wikileaks-Veröffentlichungen haben "Yellow-Press-Niveau". Das muss man klar sehen und auch so benennen. Für mich ist damit ein Stück weit der "Mythos "Wikileaks" entlarvt worden.
Wenn sich - wie heute wohl geschehen - Assange verhaften lässt und endgültig das Image des Märtyrers "erbettelt", dann ist ein Punkt überschritten, der mich nicht mehr an das Gute hinter der Sache glauben lässt.
Vermutlich können wir uns nicht einmal ansatzweise vorstellen, was hinter den Kulissen abläuft.
Ein Fall für Wikileaks 2.0 vermutlich.
Wenn heute Politiker wieder lauter werdend und eindeutig von Zensur des Internet reden, dann kann ich mir mittlerweile sogar vorstellen, dass die jüngsten Veröffentlichungen bewusst lanciert wurden.
Fragt sich denn Niemand, warum von offizieller Stelle nicht erst einmal dementiert wurde, wie das sonst ja üblich ist?
Nein, sofort haben alle Beteiligten mehr oder weniger klar zugegeben, dass es sich um authentische Dokumente handelt.
Lasst Euch nicht verschaukeln, nicht von der Politik, aber auch nicht von den Wikileaksern dieser Welt.
Der eigene Denkapparat war und ist die zuverlässigste Quelle auf dem Weg zur Wahrheit.

Anonym hat gesagt…

Ein wirklich großartiger Kommentar, Andreas! Ich hatte mich ebenfalls sofort gefragt, warum niemand der Politnasen die Wiki-Dossiers dementiert. Und Assange hat sich wenige Stunden nach Deiner Prognose ja nun auch gestellt.
Dennoch: Ins Internet ist Bewegung und Bewußtsein gekommen. Die Programmierer der Macht dürften es in Zukunft schwer haben gegen die weltweite Schar engagierter Hacker. Irgendwie freut es mich. Und Steve aus dem "Tahiti-Projekt" dürfte es ebenso freuen, zumal er mit "Maevas Reise" im Fortsetzungsroman ein sehr radikales Format im Netz installiert hat ....

Herzlichst Dirk

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