Donnerstag, 13. Mai 2010

Ausgebremst: Geht doch geht nicht.

Hier noch schnell das letzte Kapitel aus dem zu Vierfünftel fertigem Manuskript, das ich einen Tag vor der Absage des Verlages geschrieben habe. Es ist ein wenig düster, ich weiß, aber schließlich steht Cording kurz davor, zum Verräter an Maeva zu werden...

Cording hockte auf der Mauer am Malecon und blickte aufs Meer hinaus. Hinter ihm knatterten die Fahnen Kubas, Tahitis und der URP im Wind. Die bunte Dreifaltigkeit wurde einem heute in ganz Havanna um die Ohren gehauen. Der Hurrikan, der sich zweihundert Meilen entfernt langsam im Golf drehte, warf zur Feier des Tages eine Schleppe aus Wind und Regen vor Kubas Haustür, während er gleichzeitig den nördlichen Herbst ansog, sodass sich die Hitze der vergangenen Woche spürbar abkühlte.

Zwei Stunden vor der Großkundgebung auf der Placa de la Revolucion war der Malecon wie verwaist. Cording beobachtete die beiden Angler, die das Ufer ganz für sich allein hatten. Ein Mädchen näherte sich ihm von der Seite, sie war hübsch, mit einem klaren, herzförmigen Gesicht und kobaltblauen Augen, die ihn aus einer großen Tiefe anzublicken schienen. Aber diese Tiefe war leer. Sie bot ihm Sex. Für Dollar. Wie nannten die Kubaner einen Touristen wie ihn? Dollarschein auf zwei Beinen. Nein danke, Lady, sehr liebenswert. Sie gab sich schnell geschlagen und schlenderte auf der menschenleeren Promenade unter dem Flaggenwald einsam Richtung Westen, wobei sie sich lasziv in den Hüften wiegte. Sollte der Gringo doch sehen, was er verpasst hatte. Und er sah es. Sie war schön, aber es berührte ihn nicht. Sein Leben war freudlos geworden. Nicht das er es uninteressant fand, aber Freude wollte sich nicht mehr einstellen. Es kam ihm vor, als löste sich mit zunehmendem Alter alles auf, was ihm einmal eine Identität verliehen hatte. Als würde seine Seele im Gegenwind der Zeit von einer Folie befreit, auf der alle bisher gesammelten Eindrücke verzeichnet waren, die es ihm ermöglicht hatten, sich zurechtzufinden und sich Urteile anmaßen zu können. Das Koordinatensystem, in dem er so virtuos seiner moralischen Empörung gefrönt hatte, bröckelte in sich zusammen. Und mit ihm verkrümelte sich die Sprache. Er war kaum noch in der Lage zu kommunizieren, seine Worte begannen sich auf das zu beschränken, was der Alltag ihnen an Banalitäten abverlangte. Eine durchaus komfortable Position, wenn sie denn nicht so häufig missverstanden wäre. Aber auch dieses Missverständnis vermochte er nicht mehr aufzuklären. Er war ein Schweigender geworden, ohne Anspruch und ohne Ziel. Wieder ausgestattet mit der Naivität eines Kindes in einer Welt voller Wunder und Verrücktheiten. Er hatte sich überantwortet. Aber wem?

warum kann ich mich nicht entschließen meinen Arsch von der Mauer zu heben und dort hinzulatschen wo sie heute alle sind ich meine wer bin ich dass ich diesem Ereignis fern bleiben darf wo ihm doch ganz Kuba entgegen fiebert du natürlich nicht Möwe hau ab geh zu den Anglern aber fressen würde ich den Fisch nicht an deiner Stelle warte mal ist das ein Ölklumpen an deinem Schnabel es war Sabotage da bin ich sicher die Amis die armen Schweine jetzt drückt der Hurrican die stinkende Brühe aber richtig an ihre Küsten Indien kann auch nicht klagen dort ist vor drei Tagen ein Schrottmeiler explodiert wer hätte das gedacht und wer hätte vor zwei Wochen gedacht dass die Favelas in Rio nach dem nächsten großen Regen direkt an die Copa Cabana rutschen würden zwölftausend Tote kann man nichts machen in der Ostsee knabbert das Salzwasser seit Jahren beharrlich und erfolgreich an den Ummantelungen von 300 000 dort verklappten Giftgasbomben aus dem zweiten Weltkrieg weg damit nach uns die Sintflut ja Jonathan so machen wir das so machen wir es auch mit dem Atommüll unsere Nachkommen werden das schon deixeln schließlich braucht es nur 24 000 Menschengenerationen um den strahlenden Dreck wirksam unter Kontrolle zu halten oh mein Gott sieht denn keiner dass die menschliche Geschichte ein einziger Alptraum ist aus dem wir besser so schnell wie möglich erwachen sollten acht Milliarden gierige Nager machen sich inzwischen auf der Erde zu schaffen im Kollektiv sind sie unschlagbar im Kollektiv hauen sie mal eben einen ganzen Planeten weg aber wenn man diese Sensibelchen einzeln hernimmt ihnen beispielsweise den kleinen Finger ritzt dann schreien sie wie am Spieß drüben in Pasadena ist eine neue Sternwarte gebaut worden sie soll Aufschluss geben über die Geheimnisse des Weltraums ha wir zoomen mal kurz davon wo ist sie denn unsere kleine Sternwarte kaum noch zu sehen gar nicht mehr zu sehen die Erde ein kleiner Ball in der Finsternis unser Sonnensystem kaum noch zu sehen eins von Milliarden anderer Sonnensysteme und weiter immer weiter in die Unendlichkeit wo ist sie geblieben die kleine Warte in Pasadena die Aufschluss geben soll lächerlich alles lächerlich wozu sind wir hier Möwe was glaubst Du ich will Dir sagen wozu wir hier sind wir sind hier um eine bestimmte Menge Kot auszukacken jeder für sich mehrere Tonnen pro Person die Angler da wie viele Kilos dürfen sie noch abladen bevor sie die Fische in Ruhe lassen he vorsichtig pass auf wo du hinscheißt Jonathan genau das meine ich nur dass wir fester kacken als ihr wir fabrizieren nicht so einen glibberigen Dünnschiss das unterscheidet den Menschen vom Tier naja zumindest von euch komischen Vögeln hör zu Möwe jeder Schritt den ein Mensch tut jeder Gedanke den er denkt jeder Handgriff von ihm ist Teil eines ausgeklügelten Zerstörungswerks unsere Rasse ist von der Evolution nur deshalb eingesetzt worden um diesen Planeten einmal kräftig umzupflügen was ist Jonathan hab doch recht gehabt mit dem Fisch kann doch kein Schwein mehr essen ich weiß warte mal ich hab da hoffentlich noch tut mir leid dachte ich hätte mir ein Brötchen eingesteckt beim Frühstück was guckst du so deine Augen erinnern mich an jemanden sie ist tot aber nett dass du vorbei geschaut hast die Hopis nannten jemanden wie dich einen Messanger sieh an da kommt sie schon wieder die schöne Käufliche vom Malecon einfach nicht hinsehen oder besser aufstehen und von hier verschwinden soll mir keiner nachher sagen können ich sei nicht dabei gewesen

Cording rutschte von der Mauer, um nicht von einer der zahlreichen Gischtfontänen erwischt zu werden, die, vom Nordwind getrieben, den Wall heraufleckten. Er inhalierte die tanggewürzte Luft, betrachtete mit Abscheu die zerschnittenen Fischleiber, welche die Angler als Ködervorrat neben sich liegen hatten und überlegte, welche Richtung er einschlagen sollte. Egal. Gesternabend war er mit Maeva schon einmal in der Stadt unterwegs gewesen, sie hatte darauf bestanden. Es war ihnen gelungen, sich heimlich aus dem Hotel zu schleichen, ohne dass die Leibwächter etwas bemerkt hatten. Sie war stolz auf ihr Husarenstück, endlich durfte sie sich wieder unbeobachtet unter Menschen mischen, das hatte ihr gefehlt. Unter ihrem tief in die Stirn gezogenem Strohhut fühlte sie sich frei und sicher. Havanna hatte ihr gefallen. Die lärmende Altstadt mit den vielen Gemüse und Lebensmitteläden, die offenen Bars und Hinterhöfe, der Fischmarkt mit seinen kräftigen und schlagfertigen Matronen, der alte Hafen, die engen, verrufenen und doch so einladenden Gassen, in denen lässig und katzenhaft „gefährliche“ Männer mit pockennarbigen Gesichtern herumstanden während Frauen mit Lockenwicklern einen mit erhobener Stirn taxierten – Maeva genoss die Eindrücke wie ein Kind, das man auf den Jahrmarkt geführt hat. Für wenige Stunden war es ihr gelungen, die Bürde ihres Amtes abzustreifen. Hab mich sowieso gewundert, wie sie das auf Dauer aushält, dachte Cording und nahm Kurs auf die „Stadt der Toten“, die sie gestern mit Bedacht gemieden hatten.

Der Cementario Christóbal Colón im Herzen Havannas galt als die schönste Nekropole Amerikas. Mit seinen 56 Hektar war der Friedhof fünfmal so groß wie der nahe gelegene Platz der Revolution, auf dem heute Nachmittag eine Million Kubaner ihren Beitritt zur URP bejubeln würden. Cording schlenderte durch die schachbrettartig angelegten Straßen Havannas, die Hemingway einmal die lebensspendenden Flüsse der Einsamen genannt hatte. Vor dem Hotel Parque Central wurde ein roter Teppich ausgerollt. Ein wichtigtuerischer Herr in livrierter Uniform ordnete an, wo die Blumenkübel hingestellt werden sollten. An der nächsten Ecke plötzlich zwei ineinandergekeilte Wagen. Er mischte sich unter die Schaulustigen, die den Unfall aufgeregt diskutierten. Er diskutierte sogar mit, er war dabei, er gehörte dazu, das tat gut. Polizist müsste man sein. Gehorchen, befehlen, an seinem Platz sein, seinen Platz kennen ... Gott, lass mich lachen, murmelte er und blickte sich um, ob ihn auch niemand gehört hatte.

JANUA SUM PACIS – „Ich bin das Tor des Friedens“ stand auf dem Haupteingang zum Friedhofsgelände. Der 34 Meter breite, aus weißem italienischen Marmor gefertigte Zugang mit den drei romanisch-byzantinischen Bögen flößte Respekt ein, keine Frage. Die drei Figuren, die den Ankommenden aus 22 Meter Höhe vom Sims des Portada Principal begrüßten, ließen Cording fast vor Ehrfurcht erstarren, schließlich symbolisierten sie die drei christlichen Tugenden Glaube, Liebe, Hoffnung, von denen er nicht gerade im Überfluss besaß.

Entsprechend vorsichtig betrat er das streng gegliederte Gelände, das für die Kubaner mehr war als eine Gedenk- und Beerdigungsstätte. Es war ein Pilgerort, ein Nationaldenkmal. Seit 1866 hatten über eine Million Menschen auf dem Cementario Cristóbal Colón ihre letzte Ruhe gefunden. Darunter dreimal soviel Arme wie Reiche. Dennoch belegten die prächtigen Grabstätten der Wohlhabenden 98 Prozent der Gesamtfläche. 53 000 prunkvolle Familien-Gruften, Mausoleen, Galerien und Grabkapellen gab es in der „Stadt der Toten“. Die Massengräber und Grabplatten der weniger Betuchten fanden sich im Südwesten des Friedhofs. An den Rand gedrängt wurden auch die „Negros y Mestizos“, die Schwarzen und Mischlinge, die man noch bis 1924 in getrennte Totenregister eingetragen hatte. Aber einen entscheidenden Sieg hatten die Unterpriviligierten dennoch davon getragen: mit der 55jährigen afrikanischen Sklavin María Balido war eine der ihren als Erste auf dem neuen Areal im heutigen Stadtviertel Vedado beigesetzt worden.

Cording überlegte, ob er die berühmte Galeria de Tobias besuchen sollte, die auf einer Länge von hundert Metern 562 Felsnischen beherbergte, in denen die sterblichen Überreste von zehntausend Toten in nummerierten Steinkästchen aufbewahrt wurden, unter anderem auch die des Friedhofsarchitekten. Das Mausoleo de los Bomberos, das an die 28 Feuerwehrmänner erinnerte, die 1890 beim Kampf gegen ein Großfeuer in Havanna ihr Leben ließen, und dessen imposanter, von einem Engel gezierter Obelisk weithin sichtbar war, hätte wohl ebenfalls einen Besuch gelohnt, ebenso wie die Grabstätten der kubanischen Prominenz, ob es sich nun um Politiker, Freiheitskämpfer oder Schriftsteller handelte. Aber er konnte sich nicht entschließen, er saß bequem auf seiner steinernen Bank, von der er ein Meer flachgelegter Steinplatten überblickte. Da lagen sie, die Regimenter der still Gewordenen mit all ihrem begrabenen Wissen, mit ihrer Schuld, ihren Träumen und Sehnsüchten. Wie lächerlich und schnell die Stunde unseres winzigen und beweglichen Lebens verstreicht, dachte er und drückte den Rücken durch. Er musste an die Worte Maevas denken, die sie Steve letzte Woche in die Kamera gesprochen hatte und die seitdem im Internet millionenfach abgefragt wurden: Der Mensch der Zukunft muss ein Liebender sein – oder er wird gar nicht mehr sein. Er war sicher, dass sie diesen Satz heute Nachmittag auf dem Platz der Revolution wiederholen würde, er war zu ihrem viel beachteten Credo geworden.

Auf der Bank rechts von ihm saß ein kleines Mädchen und ließ die Füße baumeln. Als er ihr zulächelte, schlug sie die Augen nieder, um nicht gesehen zu werden. Sekunden später sprang sie unversehens auf, wie ein Vogel, der von einem Zweig davon flattert. Eine Familie näherte sich, Mutter, Vater, drei Kinder. Der Vater bat ihn, einige Aufnahmen von ihnen zu machen und drückte ihm eine antiquierte Digitalkamera in die Hand. Cording kam der Bitte gerne nach. Wenn Menschen sich fotografieren lassen, lächeln sie, sind gütig, ihre Seele wirkt rein und unbefleckt. Es ist angenehm, sie so zu sehen, dann hat man das Beste von ihnen. Muchas gracias! De nada!

Er blickte auf die Uhr. Zeit zu gehen. Er würde sich irgendwo ein Plätzchen am Rande der Plaza suchen, einen, der ihm den Rückzug offen hielt, er konnte auf keinen Fall riskieren, von der wogenden Masse absorbiert zu werden. So weit ging seine frisch gewonnene Menschenliebe noch nicht. Er versuchte sich zu erheben, aber seine Beine gehorchten ihm nicht. Sie fühlten sich taub und leblos an und schienen sich jeglichem Befehl zu verweigern. Das kann doch nicht wahr sein! fluchte er und drückte sich mit den Händen von der Bank. Okay, links, rechts, immer einen Schritt vor den anderen. Geht doch...

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ein wunderbarer Text. Gibt es mehr davon und wo kann man es finden?

Jens hat gesagt…

Hoffentlich sehr bald in allen Buchhandlungen! :-)

Bis dahin gibt es unter http://bit.ly/5mByd und http://bit.ly/bpgKAP zwei weitere Leseproben. Weitere werden ebenfalls in diesem Blog erscheinen - also öfter mal vorbei schauen!

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